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Franz Schubert Winterreise im Kloster Zangberg mit Krähe
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...was will ich unter den Schläfern säumen? Gedanken zu Schuberts Winterreise

Der folgende Text zeichnet einen Vortrag mit Musikbeispielen nach, der vor der Aufführung der Winterreise durch Markus Haas (Bariton) und den Autor am 6.6.´98 im Kloster Zangberg als Einstimmung für das Konzertpublikum gehalten wurde. Publikation (im Druck) bei der Guardini-Stiftung Berlin.

Eine unglückliche Geschichte

Zwischen zwei jungen Menschen zerbricht eine aufkeimende Beziehung. Er, ein Wandergesell, verläßt enttäuscht das Städtchen seiner Liebe, fortgejagt und erstarrt in unterdrückten Emotionen. Der Winter bricht herein. Immer wieder träumt er sich in die verlorene Vergangenheit hinein, heiße Sehnsucht flammt auf und erstirbt wieder in der klirrenden Kälte seiner Realität. Resigniert läßt er sich in die Irre führen und findet schließlich ermattet einen Schlupfwinkel. Doch das gequälte Herz kommt nicht zur Ruhe: wieder suchen ihn verlockende Träume heim, Todessehnsucht kommt auf. Schon verfolgt ihn eine Krähe, die den nahen Tod wittert, und seine letzte Hoffnung fällt mit einem welken Blatt zu Boden. Nachts durchquert er ein schlafendes Dorf und erkennt sich entgültig als ein Ausgestoßener. Nach einem stürmischen Morgen geleitet ihn ein Wegweiser zu einem Friedhof. Doch seine Sehnsucht wird nicht gestillt, er kann noch nicht sterben. Mit einem neuen trotzigen Aufbegehren zieht er weiter - und trifft schließlich in einem alten Leiermann seinen musikalischen Weggefährten.

Soweit die Fabel dieser mißglückten Liebe und einer Irrfahrt, einer Reise nach Nirgendwo. Wenn wir dem Reigen Wilhelm Müllers düsterer Texte im Gewande der Musik Schuberts folgen, so verstehen wir in der Regel jedes Wort und jeden Ton. Der unmittelbare Sinn sowie die Logik und Emotionalität der plastischen Komposition erschließen sich uns augenblicklich. Wozu also eine Einführung, eine Einstimmung auf das Hörerlebnis? Und warum erleben wir eine große Aufführung der Winterreise als so über die Maßen bis in die Wurzeln erschütternd? -- Doch hören wir Schubert selbst nach einem Bericht von J. von Spaun(1):

"Schubert war durch einige Zeit düster gestimmt und schien angegriffen. Auf meine Frage, was in ihm vorgehe, erwiderte er: ´Nun, ihr werdet bald hören und begreifen.´ Eines Tages sagte er zu mir: ´Komme heute zu Schober, ich werde euch einen Kranz schauerlicher Lieder vorsingen. Ich bin begierig zu hören, was ihr dazu sagt. Sie haben mich mehr angegriffen, als dieses je bei anderen Liedern der Fall war.´ - Er sang uns nun mit bewegter Stimme die ganze Winterreise durch. Wir waren durch die düstere Stimmung dieser Lieder ganz verblüfft, und Schober sagte, es habe ihm nur ein Lied, Der Lindenbaum , gefallen. Schubert sprach hierauf nur: ´Mir gefallen diese Lieder mehr als alle, und sie werden euch auch noch gefallen...´

Dieser Stellenwert der Winterreise in Schuberts Leben, diese außerordentliche Wirkung auf die Hörer erschließen sich unserem Verständnis offensichtlich nicht auf der soeben skizzierten Ebene der Geschichte. Erlauben wir uns daher zunächst einen genaueren Blick auf die Inhalte und Bilder der Texte.

Fragen über Fragen

"Der Mai war mir gewogen / mit manchem Blumenstrauß./ Das Mädchen sprach von Liebe,/ die Mutter gar von Eh´..." heißt es im Rückblick auf die rosige Vergangenheit in der ersten Strophe. "Und auf den weißen Matten..." - inzwischen ist es also Winter - "Was soll ich länger weilen,/ daß man mich trieb hinaus?": Er geht also, bevor es zum Eklat kommt. Was ist geschehen? Sind tatsächlich sechs Monate vergangen? Und dann die rätselhafte Zeile: "Laß irre Hunde heulen/ vor ihres Herren Haus;" Warum vergleicht er sich mit einem Hund ? Wer ist der metaphorische Herr ? (Das Bild des Hundes begegnet uns wieder im Lied Nr.17 - "Bellt mich nur fort, ihr wachen Hunde..."- als mit den Herren Verbündete.) "Will dich im Traum nicht stören, wär schad um deine Ruh,...": Hier vollzieht die Musik einen auffälligen Wechsel nach Dur [Klavierspiel]. Die Stimmung ist sehr zart, liebevoll. Ist dies trotz der geschehenen Kränkungen ein versöhnlicher Abschied? Was kann der Grund für die Trennung sein? Das zweite Lied, die Wetterfahne , nennt uns einen Grund, der anscheinend ganz und gar nicht zur Atmosphäre dieses Abschiedes passt: "....So hätt er nimmer suchen wollen/ im Haus ein treues Frauenbild." Also sie war untreu. Und dann dieser liebevolle Gruß? "Der Wind spielt mit der Wetterfahne/ auf meines schönen Liebchens Haus./ ...Der Wind spielt drinnen mit den Herzen,/ wie auf dem Dach..."- sogar aus Gewohnheit untreu - "Er hätt es eher bemerken sollen,/ des Hauses aufgestecktes Schild,..." - und obendrein durch ein Schild gekennzeichnet (ist es die Wetterfahne?)! Das klingt nach Prostitution. "Ihr Kind ist eine reiche Braut."-- ist unser Protagonist nicht standesgemäß, oder ist dies eine Anspielung auf den Geschäftserfolg? In jedem Falle erscheint "Fühlst du meine Tränen glühen,/ da ist meiner Liebsten Haus." in der Nr.6 hiernach geradezu fantastisch blauäugig und im paradoxen Kontrast zum Realismus vieler übriger Textstellen.

Erstaunlicherweise wiederholt sich der Abschied, mit dem der Zyklus beginnt. Nun sind solche Zeitschnitte und Rückblenden in Gedichtzyklen durchaus nichts befremdliches: Nachdem der Protagonist sechs Lieder lang im Umfeld der verlorenen Liebe herumstreicht und von Erinnerungen gepeinigt wird, folgt der alptraumhafte entgültige Hinauswurf in der Nr.8: "Es brennt mir unter beiden Sohlen,/ tret ich auch schon auf Eis und Schnee,/ Ich möcht nicht wieder Atem holen,/ bis ich nicht mehr die Türme seh.// Hab mich an jedem Stein gestoßen ,/ so eilt ich zu der Stadt hinaus;/ die Krähen warfen Bäll und Schloßen / auf meinen Hut von jedem Haus." Was für eine Szene! Offensichtlich heller Tag, panische Flucht, kein zarter Liebesgruß. Und diese Krähen sind gewiß nicht gefiedert und beschnäbelt - aber wer sind sie dann? Als Erzählung ergeben diese beiden Versionen von Abschied jedenfalls keinen Sinn. Hatten wir bislang vielleicht noch den Eindruck, daß es trotz der Unstimmigkeiten dennoch in erster Linie um eine verlorene Liebe geht, so befremdet die Entdeckung, daß die "Geliebte" von Lied Nr.14 an keinerlei Erwähnung mehr findet. Mehr noch: Außer daß sie in einem Haus wohnt und eine Mutter hat, wissen wir nichts von dieser Geliebten. Im Gegensatz zur "schönen Müllerin", die blond und blauäugig und schön ist, hat diese Geliebte kein Gesicht , ist offensichtlich nur eine metaphorische Hülle . Und nun, gegen Ende des Zyklus, häufen sich die Rätsel: In Nr.22 tritt für einen Augenblick plötzlich das persönliche ich des Protagonisten zurück: "Will kein Gott auf Erden sein,/ sind wir selber Götter!" Mit wem solidarisiert sich hier unser Prototyp des Ausgestoßenen? In der Nr.23 ist von den drei rätselhaften Nebensonnen die Rede: "Ging nur die dritt´ erst hinterdrein,/ im Dunkeln wird mir wohler sein." Was haben diese Sonnen mit der Liebesgeschichte zu tun? Und schließlich der offene Schluß mit der Frage an den mysteriösen Leiermann: "Wunderlicher Alter,/ soll ich mit dir gehn?/ Willst zu meine Liedern/ deine Leier drehn?"

Leben im Dauerfrost: Die Restauration

Um dieses Bündel von Fragen einzukreisen, werfen wir einen Blick auf die soziale und politische Situation, in der sich Schubert und viele seiner künstlerischen Zeitgenossen behaupten mußten. Die Französische Revolution 1789 wurde von vielen Intellektuellen und Künstlern unter der repressiven Herrschaft Franz II. als Aufbruch, als Hoffnung erlebt, Napoleon als Idol einer neuen Gesellschaft gesehen. Mit dessen Rückfall in ein reaktionäres Regime und den Eroberungskriegen ab 1809 entlarvten sich die Hoffnungen als Illusionen. Waren die Befreiungskriege 1813/14 noch von Enthusiasmus und einem Aufschwung der neuen bürgerlichen Kunst begleitet - in jener Zeit brach Schuberts kompositorisches Talent mit fast 300 Kompositionen hervor - so erstarb das öffentlich-geistige Leben unter der erstickenden Metternich´schen Politik nach dem Wiener Kongreß 1815 mehr und mehr. In dieser Zeit der Restauration der alten Werte wuchert die Skepsis gegenüber allen modernen, liberalen Ideen. Der Mord an dem Schriftsteller Kotzebue durch den Studenten Sand 1819 liefert Metternich endlich den willkommenen Anlaß, das unliebsame intellektuelle Treiben durch die Karlsbader Beschlüsse in der Öffentlichkeit bis unter den Nullpunkt zu gefrieren: Mehr als 10 000 "Geheimpolizisten" aus den unteren Schichten, also jeder zwanzigste Wiener, tragen der Regierung Informationen zu. Ein Fünftel davon sind intellektuelle Agenten, die das gesamte kulturelle Leben kontrollieren - teils als gewissenlose Handlanger der Machthaber, teils als Doppelagenten wider Willen. Jede öffentliche Aktivität wird überwacht, die öffentliche Rede und die Druckmedien unterliegen einer scharfen Zensur(2).

Wilhelm Müller, der Textdichter und fast altersgleiche Zeitgenosse Schuberts, erleidet die gleiche Enttäuschung über die politische Entwicklung. Aber für die spitzen Zungen solch unermüdlicher Regimekritiker finden sich Mittel und Wege, ihre Pfeile aus dem Hinterhalt zu verschießen: Es bildet sich eine intellektuelle Untergrundbewegung aus, die sich durch die undichten Maschen des Zensurnetzes hindurch auszutauschen erlernt, durch einen Schwarzmarkt verbotener Schriften, durch geheime Knotenpunkte der mündlichen Propaganda und durch eine zensurunverdächtige, doch den Gesinnungsgenossen wohlbekannte "Verschlüsselung" der Sprache. Müller war offensichtlich Meister dieses Genres. Die 1820 - 1824 veröffentlichten Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten , sie enthalten neben der Winterreise und der Schönen Müllerin noch Tafellieder für Liedertafeln , erschienen in der 1822 verbotenen Leipziger Literaturzeitschrift Urania - Anlaß für das Verbot war ausgerechnet ein Text Wilhelm Müllers(3). Schubert entdeckt die ersten 12 Gedichte der Winterreise 1823 ebendort - er muß sich diese Zeitschrift also illegal verschafft haben: Auch Besitz und Lektüre standen unter Strafe. Die Gesamtveröffentlichung von 1824 fällt ihm erst 1827 in die Hände, nachdem der erste Teil bereits vertont ist. Frieder Reininghaus demonstriert an dem Gedicht Des Finken Abschied aus den Tafelliedern die Technik der Verschlüsselung, meist durch harmlos klingende Natur-Metaphern(3):

Es saß ein Fink auf grünem Zweig,
Der war so frisch und blätterreich,
Und sang wohl Dies und Jenes:
Durch Lenz und Sommer und Herbst er sang,
Hätt da gesungen sein Leben lang,
Wär nicht der Winter kommen.

In der zweiten Strophe taucht unvermittelt ein Begriff aus einer anderen Welt auf:

Da geht im Hain des Schüttelns los,
Und flugs steht Alles blank und bloß,
Bis auf den Zweig des Finken.
Jetzt, naseweises Vöglein, flieh´!
Mit solcher Staatsökonomie
Da ist nicht viel zu spaßen.

Und schließlich wird offensichtlich, wovon die Rede ist:

Und´s Vöglein flog und sang: Ade!
Da warf der Winter Reif und Schnee
Ihm hinterdrein, und traf´s nicht.
Der Finke lacht aus voller Kehl´:
Bewahre Gott jede Christenseel´
Vor diesem Landesvater!

...

[ Achim Goeres ]

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